"PORTUGAL"


Ein Abenteuer kann auch schon mal nachts im Bett aufblitzen!

So war es wohl auch dieses Mal, so ganz genau weiß ich das nicht mehr.

Jedenfalls gibt es da noch das Bild der zwei vom stressigen Job ausgelaugte Menschlein mit dem Hang zum Abenteuer und (m)einer spontanen nächtlichen Eingebung: "Motto man könnte doch mal mit dem Rad von Lissabon, entlang der Atlantikküste bis nach Faro" radeln?!

Gedacht, getan!

 

Tage später:

Mit enorm bepackten Bikes, finden wir uns irgendwie auf dem Weg in Richtung Rhein-Main-Airport wieder. Nachdem wir die schweren Bikes in die Tram 50 gewuchtet hatten war die Sache geritzt, verschwitzt und grinsend sehen wir uns frohlockend an, endlich wieder:

"On the Road"!

 

  Los ging es von Mainz-Finthen, direkt zum Mainzer Hauptbahnhof, von hier weiter mit der S-Bahn zum Airport nach Frankfurt am Main. In der Bahn nochmals alles durchgecheckt, Tickets, Pass, Reisekasse, Travellerschecks (im Hosengürtel), Zelt, Schlafsack, Kochgeschirr, Fotoapparat, ... Klopapier und ein paar luftige Klamotten, denn was man noch so braucht, kann man günstiger unterwegs kaufen. Jou, alles da - alles cool. Es ist, so seltsam es sich auch immer wieder anfühlt, alles reale Gegenwart, oder träume ich doch nur? Heimlich mal kräftig an der Haltestange des S-Bahn Wagens gerüttelt - alles fest, dann der prüfende Blick aus dem Fenster, Himmel, Wolken, Häuser, Flugzeuge alles normal, alles super und sofort steigt dieses magische Glücksgefühl aus dem Bauchs hoch direkt ins benommene Hirnkasterl.

Heissa - Hopsasa, Bom Dia Portugal, get ready - "WIR KOMMEN" - tatsächlich!

 

 Als dann am Airport die S-Bahn Tür auf zischte, war alles nicht mehr ganz so cool. Da standen wir plötzlich mit unseren vollgepackten schweren Drahteseln in einem schier unüberwindbaren Hightech Labyrinth aus Rolltreppen, Bahnsteigen und endlosen Treppenaufgängen. Man oh Mann was ist denn hier los, sind wir denn auf einem anderen Planeten gelandet oder was? Boh e Boh, wie kommen wir da nur raus? Leichte Panik macht sich breit, denn beharrlich flackert grellrot und nervend die näher rückende Abflugzeit im Hintersüberl auf! Da hilft dir dann auch die neue extra teure Sonnenbrille nix, da musst du durch, also: "let it flackern"! Sinnvolle Hilfe brachte die alt erprobte Traveller Philosophie: "Der Weg sei das Ziel", also cool bleiben und mach die Augen auf und ... siehe da, da blinzelt mich im Gewusel doch gütigst ein kleiner blauer Lichtpunkt an. Yippie ein Aufzug, -seither liebe ich blaue leuchten, egal wo-!

Puh gerettet, mit murmelgroßen Schweißperlen auf der frisch geduschten Stirn geschwind die Bikes und uns eingecheckt und schnurstracks hin zu dem handgeschriebenen Angebotsschild: "Coffee to go!" ... gerne auch zum Mitnehmen, Sekunden später traben zwei Grinse-Katzen locker weiter zum Abfluggate und ab geht die Lucie in Richtung Lissabon-Portela“!

 

 

  Schwupps, schon kippt die Nase der Boeing 737/800 in den Sinkflug. Ups, schnell noch die Plätze getauscht, denn ganz speziell für mich galt es, beim Anflug mit der Nase am Fenster klebend, schon mal die Straßen rund um den Airport auf Fahrrad Tauglichkeit abzuchecken. Mit dem Ziel, dass wir ohne die erschreckend vielen Autobahnen und Schnellstraßen vom Airport aus irgendwie in die City gelangen konnten, -dabei hilft mir immer mein Fotografisches Gedächtnis-. Der völlig überraschende Touch down war ziemlich holprig sodass meine Nase eine kleine Schleifspur am Fenster hinterließ. Nase OK, Gurt weg, und nix wie raus aus der Alubüchse und los die Fahrräder finden. Oh Mann, die leicht ramponierten Teile aus der Frachtausgabe loszueisen war dann doch schon etwas komplizierter, aber schließlich hat auch das geklappt, kurz alles gerichtet dann schnell noch auf der Toilette die Klamotten getauscht und todesmutig immer der etwas lädierten Nase nach, Richtung "Downtown somewhere!"

 

Heiligs Rädle, das war nicht geradewegs ein easy going, nonono, es fühlte sich eher an wie, ja als wenn du plötzlich inmitten einer rasenden Stierkampfarena Fahrrad fährst, nur mit dem kleinen aber feinen Unterschied, du bist hier der Stier und hunderte Hupen-Pikadores versuchten die Drahteselstiere von ihrem geheiligten Weg zu Piken. Das Hupkonzert wurde aber von uns ignorant als Willkommensgruß einsortiert und gehörte eigentlich hier zur Normalität, so gesehen, machte es einen riesen Spaß die Stadt mit dem Rad zu erkunden.

Zwei Ensaimadas mit Pudding späte, fanden wir in der Nähe des José Gomes Ferreira Park, dem Gott der Traveller sei Dank, ein sehr nettes Hauptquartier, mit Fahrradparking im Zimmer. Voller Begeisterung und Entdeckerlust verbrachten wir die nächsten Tage und Nächte mit Essen, Trinken, Fado und ausgiebigen Bewundern dieser einmalig schönen und äußerst gastfreundlichen Metropole.

 

Aber es trieb uns dann doch weiter gen Süden und als wir genug City geatmet hatten, erstanden wir zwei Tickets für die Überfahrt mit der Personenfähre von Santa Maria de Belem über die Bucht des „Rio Tajo“ nach Porto Brandao. Wir planten dann hochmütig die läppischen 30 km auf der N378 bis zu dem wunderhübschen Küstenstädtchen Sesimbra zu radeln. Machen wir mit links sagten wir uns übermütig, ohne zu ahnen, dass die im Hochsommer vor Hitze flimmernde Strecke, mit ihrem butterweichen Asphalt, zu einem verdammt heißen Eisen werden würde.

 

 

  Nach der entspannten Überfahrt legten wir am späten Nachmittag gegenüber in Porto Brandao Porto Brandao an. Eines der hässlichsten Orte ever, eigentlich eine riesige Raffinerie, es roch schon von weitem so intensiv nach Öl und Benzin sodass wohl das Anzünden einer Zigarette zu einer Katastrophe geführt hätte und lud schon daher nicht im Geringsten zum Bleiben ein. Also auch nicht lange herum geschnüffelt, flugs wieder aufs Rad gejumpt und nix wie raus aus der explosiven Mischung, denn Sonne satt, eine salzige Meeresbrise und das Abenteuer Atlantikküste rief laut und unwiderstehlich.

*FORTUNE*

Als Radtouristen noch relativ unerfahren und dann mitten im Hochsommer in der portugiesischen Gluthitze unterwegs zu sein, hätte vorausschauend doch etwas mehr Grips erfordert. So radelten wir quietschvergnügt mit sehr wenig Wasser, arglos, aber noch immer putzmunter drauflos. Es muss auf dieser unendlichen Überlandstraße mit seinem butterweichen Asphalt so um die 45° heiß gewesen sein, die unentwegt flirrende Hitze ließ die Umrisslinien in der Ferne verwirrend verschwimmen.

Die Fahrt durch das leicht hügelige Gelände ging anfangs recht flott dahin, und unsere Schweißtropfen verdampften quasi „zischend“ auf dem heißen Asphalt. Doch so nach ca. 15-20 km wurde die anfangs so fröhlich-lockere Radelei immer kräftezehrender und die Hügelchen waren immer zäher zu bewältigen. Der Flüssigkeitsmangel machte sich vehement bemerkbar! Die karge Wasserration war schon längst aufgebraucht und so langsam setzte der Schwindel ein und das Sprechen wurde zur Herausforderung. Plötzlich und völlig unerwartet sackte Margot samt Fahrrad in Slow-Motion mitten auf der Straße in sich zusammen und lag alle viere von sich streckend mitten auf der völlig verwaisten Landstraße. Kurz darauf sank auch ich völlig dehydriert und kraftlos neben ihr auf den butterweichen Asphalt. Völlig apathisch schleppten wir uns und die schweren Fahrräder an den Rand der Straße und völlig entkräftet, Schloss ich die Augen.

 

  Als ich sie irgendwann angetrieben von einem undefinierbaren Getöse wieder aufriss, stand wie durch Zauberhand plötzlich mitten im Nichts, ein uralter, klappriger, total verrosteter Pick-up quer auf der klebrigen Straße. Als auch dann meine getrübten Sinne so langsam wieder Fahrt aufnehmen und das stark verengte Sichtfeld sich hoch erstaunt aber nur zögerlich öffnen wollte, sah und hörte ich, was ich so niemals hätte sehen und hören wollen, denn auf der Ladefläche des seltsamen Gefährts tummelten sich eine Handvoll ebenso merkwürdiger unrasierter und johlender Typen. Jou dachte ich, hasde Scheiße am Fuß, hasde Scheiße am Fuß! Hoffentlich sind, wenn du richtig Glück hast, nur die Räder weg und nicht auch noch deine hübsche weibliche Begleitung. Weit gefehlt, denn die Urheber dieser seltsamen Töne waren schier außer Rand und Band und völlig von der Rolle, als sie uns da so neben unseren Fahrrädern mitten auf der glühenden Straße rumliegen sahen. Aber wie der gemeine Portugiese so ist, immer freundlich und stets hilfsbereit, klettern die Jungs aus ihrer Rostlaube, wuchteten die schwer beladenen Fahrräder auf die Ladefläche und schoben uns hinterher und ab ging die wilde Hatz. Bevor wir einigermaßen klar in der Birne wurden, lud uns die illustre Gesellschaft vor der einzigen Kneipe eines mini Örtchens ab, schickten uns unisono ein fröhlich lachendes „Bom Dia“ zu, und verschwanden holperten und laut johlend in einer mächtige Staubwolke.

 

  Wir, die etwas zurechtgestutzten Helden der Nationalstraße 378, wankten nun zielstrebig und starren Blickes in Richtung eines morbiden Ladentisches und wären um ein Haar beim Anlehnen mit ihm umgefallen, was wiederum ein vergnügtes Gelächter der wenigen männlichen Gäste auslöste. Peinlich-peinlich! Aber gut, denn der "Hallo-Wach-Effekt" hat uns wieder etwas aufgerichtet und wir orderten mit blei schwerer Zunge: "Duas Cervezas por favor"! Schweigend grinsend fischte der Wirt zwei Pullen „Sagres“ aus einer tropfenden Holzkiste und mit einem herrlichen "Zisch-Zisch" knallte er sie, bestimmt in der Gewissheit, dass er es hier mit zwei dusseligen „Greenhorns“, die beinahe als „Landstraßen Intarsien“ in die schon bewegte Geschichte des Landes eingegangen wären, vor uns hin, -Wasser gab es hier eh keins, wie wir später erfuhren!

 

  Mit leicht ungeschickten Händen, packten wir den herrlich eiskalten Gerstensaft und saugten das Teil in einem Zug leer. Caramba Mia was für ein superaugengeiles Gefühl, nun waren wir an der Reihe laut zu lachen, was nun wiederum auch die Kneipenbesucher belustigte. So, nach der dritten Nachbestellung gingen wir dann genauso schwankend nach draußen zu unseren Rädern wie wir hereingekommen waren, eine Duplizierung der Ereignisse. Sapperlot, es ist doch schon recht seltsam, wie uns manchmal das Leben so daher kommt. Es folgten nun die mehrmals vergeblichen Versuche, bierselig wie wir waren, uns auf die schwer beladenen Fahrräder zu wuchten, diese nicht ganz zirkusreife Nummer wurde natürlich von den auch nicht mehr so ganz nüchternen Kneipenbesuchern, man ahnt es schon, äußerst geräuschvoll begleitet. Der eisgekühlte portugiesische Gerstensaft hatte uns aber wieder auf die wackeligen Beine gestellt und so machten wir uns, ein Großteil der Straßenbreite beanspruchend, auf die restlichen Kilometer auf zu unserem Tagesziel der malerischen Küstenstädtchen Sesimbra!

© by Rainer Karl Westerfeld 2023


Aus den Wolken muss es fallen,

aus der Götter Schoß das Glück,

und der mächtigste von allen

Herrschern ist der Augenblick.

                                                     Friedrich Schiller