D E R  L O O P I N G


von Rainer Karl Westerfeld

 

An einem prächtigen Sommersonnentag brauste Käferchen auf der Suche nach seiner Freundin, der liebreizenden "Feie" aus dem Land der himmelblauen Mosaikjungfern, fröhlich pfeifend in seiner Lieblingswiese umher. Iolani, (die immer schwebende) wie er sie liebevoll auf Käfionisch nannte, ist so klitzeklein wie ein Bienen- oder gar ein Diamantkolibri, also nur ein wenig größer als er selbst.

 

  Iolani lebt ab und zu in dem an die Wiese angrenzenden mittelkleinen Feenwald und hier in einem kleinen Anger mit dem Namen "Zwischenraum". Das für gewöhnliche Augen unsichtbare Dörfchen ist wunderhübsch und sehr geschmackvoll rund um den an besonderen Tagen benutzten Feenring angeordnet. Es befindet sich im Schatten der Burgruine Blumenstein und von dort aus startete sie immer ihre Streifzüge, oder traf auf der Wiese ihren guten Freund Käferchen.

 

  Nun war es wieder einmal so weit und voller Vorfreude auf das bevorstehende Wiedersehen, sauste Käferchen im Tiefflug zwischen mächtigen Blumenstengeln, Grashalmen und wilden Stauden in der Wiese kreuz und quer umher. Doch als er voller Übermut gerade sein zweites perfektes Looping fast beendet hatte, geschah es: "Pardauz, knallte er voll Lotte gegen eine hochaufragende mächtige Blume und mit einem lauten Plumps landete er leicht benommen auf einem der großen gezackten Blätter, die weit vom Schaft hinaus in die Wiese ragten. Da lag er plötzlich und wusste nicht so recht wie er dort hingekommen war, völlig verdattert sortierte er erst einmal seine etwas durcheinander geratenen Beinchen und glättete behutsam die leicht verbeulten Flügel. Als alles wieder einigermaßen hergerichtet war erkundete er mit einem kurzen Blick argwöhnisch seine Umgebung und fand sich auf dem Rücken liegend auf einem der riesigen grünen Blätter dieser fremdartigen Pflanze wieder.

 

  Solch eine komische Blume hatte er vorher noch nie gesehen, dass Blatt über ihm sah aus wie eine Hand die ihre Finger nach ihm ausgestreckt. Die scharfen Randspitzen rundeten das seltsame Bild nicht gerade sehr harmonisch ab. Auch die Luft um ihn herum duftete zudem irgendwie sehr fremdartig süß und höchst befremdlich. Solch einen penetranten Duft hatte er ganz bestimmt noch nicht auf einem seiner vielen Streifzügen wahrgenommen, dass hätt er sofort gecheckt.

 

  Hmmm ..., seltsam-seltsam murmelte er mit einem zusammengekniffenen Käferauge, denn das andere war irgendwie auch verklebt. Nicht so ganz im Bilde zuckte er verdutzt mit den ebenfalls eingestaubten Schultern und lenkte seinen einseitigen und leicht trüben Blick in den azurblauen Himmel links hoch über ihm. Überrascht nahm er wahr, dass wohl ausgelöst durch seinen Aufprall, alles um ihn herum mit einer feinen gelben Staubschicht an gezuckert war. Da er ja auf dem Rücken gelandet war, waren Bauch, Fühler und Gesicht auch davon bedeckt.

 Kurz entschlossen klopfte und schleckte er sich sauber, und zu seinem Erstaunen schmeckte das honiggelbe Pulver dann auch noch so richtig lecker, sodass er gar nicht genug davon bekommen konnte. Erheitert und gestärkt beendete er die blumige Kostprobe und jumpte unverhofft gelassen auf seine noch etwas wackeligen sechs Beinchen.

Voller Tatendrang und aufsteigendem Forschermut schüttelte er sich einmal so kräftig, dass es rund um ihn nur so aufstaubte und schnupperte noch etwas von dem gelben Honigtau wie er dachte.

 

  Doch Sekunden später und wie auf ein geheimes Zeichen hin, hielt er plötzlich in all seinen Aktivitäten inne und horchte verblüfft in sich hinein. Anfänglich nur als nebelhafte Sinneseindrücke wahrgenommen, entwickelte sich daraus schnell ein buntes und vielfältiges Bilderkaleidoskop. Kurze verwischte Sequenzen und schnelle Bildabfolgen von längst vergangenen Erlebnissen zogen an seinem geistigen Auge vorbei und verblassten am Ende ebenso schnell wieder wie sie aufgetaucht waren. Dieses verblüffend realitätsnahe Szenario löste in der Folge ein befreiendes Glücksgefühl in seinen kleinen grauen Zellen aus und versetzte ihn in einen traumähnlichen aber dennoch irgendwie seltsam hellwachen Zustand. Mit äußerst skeptisch aufgesetztem Blick und doch voller innerer Erwartung checkte er seine nähere Umgebung ganz genau, und entdeckte zu seiner erneuten Überraschung, eine irgendwie völlig neue aber dennoch altgewohnten und vertrauten Welt wieder und fand sich zu seiner großen Freude im beschwingten Einklang mit der nun so seltsam verzauberten Wiesewelt wieder. So nahm er denn auch geschwind wahr, dass er sich noch immer auf dem ausladenden Blatt der ihm unbekannten Pflanze befand.

 

So realisierte er sinnierend, was ihn an dem aktuell dargebotenen Erscheinungsbild seiner alten-neuen Wiese so fröhlich stimmte. Sie präsentierte sich ihm nun ausgefallen harmonisch und überaus farbenfroh. Rot blau, gelb, lila, hellrosa und lindgrün überboten sich im Wettstreit untereinander und alle umherschwirrenden Töne und Geräusche waren plötzlich um einiges intensiver und viel harmonischer geworden und erklangen nun so eindrucksvoll wie ein für ihn persönlich arrangiertes Willkommens Konzert.

 

Er fühlte sich plötzlich überschwänglich wohl und anheimelnd kuschlig, jou dachte er: "Pardauz ich bin ja heut man so richtig happy, und es ist nun auch alles so schön bunt hier!

 

Ei supie, wie kommt's?

Als er sich erneut vorsichtig umblickte, erspähte er zu seinem erneuten Erstaunen eine magisch in allen Regenbogenfarben schillernde Seifenblase, welche über seine bunt gesprenkelte Lieblingswiese gemächlich auf ihn zu schwebte und dann abrupt vor seiner Nase stoppte. Völlig entzückt von seinem eigenen Spiegelbild, den Käfers haben ja kaum Spiegel zu Hause, geriet er bei näherer Begutachtung unvorsichtigerweise viel zu nahe an sie heran und mit einem satten Paff zerstob sie in Millionen kleiner Seifenblasenfragmente. Vor lauter Schreck geriet er dabei über den Rand seines Landeblatts hinaus und plumpste mit allen Extremitäten rudernd, dem Gesetze der Schwerkraft folgend, wie ein Stein in den gähnenden Abgrund.

 

Dann wurde ihm schwarz vor Augen!

 

 Es begab sich aber, dass einige Sekunden später und nur ein paar Millimeter von dem nun reglos auf dem Rücken liegenden Käferchen entfernt, seine Freundin die liebreizende Feie aus dem Land der himmelblauen Mosaikjungfern*, fröhlich ihres Weges daher kam und aus dem linken Augenwinkel heraus den hilflos am Boden liegenden Freund erblickte. Sie stoppte aus vollem Flug so abrupt ab, dass Grashalme und Gänseblümchen nur so auseinander stoben. Hoppla, dacht sie, was ist denn da los? Soeben kam doch mein liebes Käferlein in rasantem Tiefflug daher gebraust, und nun liegt es hier regungslos auf dem Wiesenboden herum!

 

  Ei dachte sie belustigt, dieser Schlingel von einem ausgebufften Käfer, immer hat er irgendeine Narretei in petto. Aber dieses Mal falle ich bestimmt nicht auf seinen offensichtlich fadenscheinigen Dreh herein.

 

  Nee-nee-nee mein lieber heute tue ich dir ausnahmsweise mal nicht den Gefallen!

Flugs landete Sie lautlos hinter einem dicken Grashalm und schlich sich langsam und völlig geräuschlos an ihn heran und "ZACK" kitzelte sie ihn übermütig mit ihrer zarten Flügelspitze am linken Fühler, Normalerweise ließ seine heftige Reaktion nicht lange auf sich warten, aber dieses Mal Fehlanzeige heute war irgendwie alles anders. Nichts rührte sich, kein prustendes Lachen oder wie sonst immer, kein pfiffiges: "Hey Baby, how goes it you denn so"? Nix, der vermeintliche Scherzkeks blieb bewegungslos und stumm auf dem kalten Wiesenboden liegen und gab kein Mucks von sich. Sie fasste sich ein Herz und rief so laut sie nur konnte: "Hallo Herr Käfer, Käferchen, Käferlein", rief sie mehrmals und stupste ihn mit ihren feinen Händchen leicht an und wartete dann zappelig auf eine Reaktion und murmelte leise, los steh auf du Faulpelz komm mit ich will ans Meer.

 

 Da lag er nun auf dem Rücken und wunderte sich, was so alles um ihn herum so vor sich ging, seltsam dachte er der Wind in den Bäumen hört sich genauso an wie eine leichte Brandung am Meer. Voller Freude darüber riss er die Augen auf und blickte direkt in das hübsche Gesicht seiner Freundin Iolani. Erschrocken machte sie einen großen Satz zur Seite und hinterließ dabei eine weithin sichtbare luftige Spur von hunderten winzig kleiner buntschillernder Seifenbläschen, in denen sich hunderte von klitzekleinen Blumenwieschen, Käferchen und liebreizenden Feichen widerspiegelte.

 

 Gleichzeitig streifte ein junger verspielter Frühlingswind auf seiner Wanderschaft nach Norden über den Wiesenrain. Als er den dichten Tannenwald hinter sich hatte, erblickte er das vielfältige Farbenspiel der ruhig dahin gleitenden Seifenbläschen. Da entfuhr ihm ein freudiger Jauchzer und er sauste mit einem hörbaren „Wusch“ verzückt mitten durch die gesamte Tröpfchen Armada und dann mit einem kaum hörbaren “Pötsch” zerstoben alle Bläschen in Millionen feine, fast unsichtbare Tröpfchen! Überschwänglich nahm er den entstandenen feinen Nebel auf und verteilte ihn auf seinen weiteren Weg über den rot glühenden Abendhimmel.

 

 Voller Freude sah Iolani dem bunten Treiben auf der Wiese zu und wandte sich hoffnungsvoll dem noch immer regungslos am Boden liegenden Käfer zu.

Als sie aber antizipierte, dass er sich von seinem Schrecken erholt hatte, stupste sie ihn neckisch an, und sagte:

"Na gut, wenn du nicht mitkommen möchtest, gehe ich eben alleine ans Meer"!

Sprachs und sauste flugs von dannen.

 

Hey Iolani halt halt, wo willst du denn so schnell hin, rief er Erstaunt ihr nach.

Ans Meer - ans Meer will ich, tönte es fröhlich zurück!

Ei verbibsch, ... huch, oh ja - oh ja, ich auch - ich auch .....?!

 

...... Platz da - Platz da, ich kooommmeee!

© Rainer Karl Westerfeld 2021

(Mit freundlicher Genehmigung)